Telemedizinische Einheit Augenheilkunde Salzwedel (TEAS) Modellprojekt zur Etablierung von Telemedizinischen Versorgungseinheiten

Ausgangspunkt
Das Vorhaben zielt darauf ab, medizinische Versorgungsstrukturen zu stärken – insbesondere für Pandemien. Hierfür sollen sektorenübergreifende Kooperationen eingerichtet, zusätzliche Kapazitäten geschaffen und die Resilienz des Versorgungssystems gegenüber Störungen, zu denen eben auch Pandemien gehören, gestärkt werden. Vor allem ländliche Regionen sind aufgrund ihrer geringeren Versorgungsdichte sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich dabei krisenanfälliger. Das Projekt wird vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt und der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) finanziert.
Region
Mit einer Bevölkerung von knapp 192.000 Einwohnenden verteilt auf einer Fläche von gut 4.700 km2 eignet sich die Altmark im Norden Sachsen-Anhalts besonders gut als Modellregion. Gerade – aber nicht nur – in der augenärztlichen Versorgung ist die Lage in den hier liegenden Planungsbereichen Landkreis Stendal und Altmarkkreis Salzwedel bereits seit einigen Jahren angespannt. Laut 61. Versorgungsstandmitteilung sind in der Region Altmark insgesamt 6,5 Arztstellen in der Fachgruppe der Augenärzte unbesetzt, bei einem Versorgungsgrad von 71,0 Prozent im Landkreis Stendal und 41,0 Prozent im Altmarkkreis Salzwedel. Für beide Planungsbereiche hat der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen drohende Unterversorgung festgestellt und Fördermittel wegen dringendem Versorgungsbedarf ausgeschrieben. Sowohl diese als auch andere Maßnahmen zur Sicherstellung der Versorgung seitens der KVSA konnten das Versorgungsproblem bisher nicht nachhaltig lösen.
Grundidee
Für die Altmark soll im Rahmen des TEAS-Projektes die Zusammenarbeit von teilnehmenden Augenarztpraxen und stationären Einrichtungen durch die Etablierung einer telemedizinischen Versorgungseinheit am Standort Salzwedel erprobt werden. Es soll zusätzliche Arztzeit für Diagnostik durch die Möglichkeit, zeitversetzt und ortsunabhängig an dem Projekt teilzunehmen, gewonnen werden. Gleichzeitig soll bei den am Projekt beteiligten niedergelassenen Augenärztinnen und Augenärzten vor Ort eine Entlastung eintreten und die Gesamtstrukturen im Pandemiefall besser geschützt werden. Die telemedizinische Versorgungseinheit kann im Bedarfsfall direkt eine Einweisung zur stationären Weiterbehandlung bei kooperierenden Einrichtungen vornehmen, womit eine sektorenübergreifende Versorgungskette geschaffen wird, bei der Doppeluntersuchungen vermieden und Fahrtwege für Patientinnen und Patienten minimiert werden können.
Evaluierung
Das Projekt wird durch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) wissenschaftlich begleitet. Dabei soll aufgezeigt werden, wie gut die telemedizinische Einheit geeignet ist, die oben beschriebene Zielsetzung der Stärkung der medizinischen Versorgungssysteme – insbesondere im Pandemiefall – in der Augenheilkunde in strukturschwachen Regionen Sachsen-Anhalts zu erreichen und ob auch eine Übertragung des Modellansatzes für andere Facharztgruppen möglich ist.
Augenarztpraxis
Als Standort für die telemedizinische Einheit ist Salzwedel als in der Altmark zentral gelegene Anlaufstelle ausgewählt worden. Hier wurde eine moderne, konservativ ausgerichtete (nicht operierende) Praxis für Augenheilkunde mit entsprechend typischer Ausstattung eingerichtet. Die Besonderheit liegt jedoch darin, dass üblicherweise kein Augenarzt vor Ort ist, um die Untersuchungen vorzunehmen. Die Medizintechnik muss es also ermöglichen, dass nichtärztliches Personal standardisiert Daten bei Patientinnen und Patienten erhebt, einschließlich diagnostischer Bildgebung, die es für die zeitflexibel und ortsunabhängig befundenden Ärztinnen und Ärzte möglich macht, Diagnosen zu stellen. Hieraus ergaben sich einige zusätzliche Anforderungen für die technische Ausstattung und die Betriebsabläufe der Augenarztpraxis. Die zum Betrieb der Praxis eingesetzten Mitarbeitenden verfügen allesamt über einschlägige Berufserfahrungen in der Augenheilkunde bzw. Augenoptik. Weiterhin fanden im Vorfeld der Aufnahme des Testbetriebes umfangreiche Einarbeitungs- und Schulungsmaßnahmen an der software- und gerätetechnischen Ausstattung der Modellpraxis statt.
Leistungsumfang
Das Leistungsspektrum der telemedizinischen Einheit umfasst zunächst die Verlaufskontrollen bei den Krankheitsbildern diabetische Retinopathie, des Glaukoms sowie der Makuladegeneration. Dabei werden sowohl die durchzuführenden Messungen und bildgebenden Maßnahmen an der Patientin bzw. am Patienten in der Praxis als auch die Leistungen der befundenden Ärztinnen und Ärzte aus Projektmitteln finanziert. Durch kooperierende, in Sachsen-Anhalt zugelassene Augenärztinnen und Augenärzte wird der Patientin bzw. dem Patienten bei Eignung, also dem Vorliegen der genannten Krankheitsbilder, angeboten, zukünftig die routinemäßigen Verlaufskontrollen in der Modellpraxis durchführen zu lassen. Die Person muss ihre Einverständnis geben, um die entsprechende Überweisung zu erhalten.
Behandlungsablauf
Die Patientinnen und Patienten schließen mittels einer Einverständniserklärung zur telemedizinischen Betreuung einen Behandlungsvertrag mit der KVSA ab, welche als Betreiberin der Modellpraxis agiert. Es erfolgen die Erhebung der Patientenstammdaten (eGK), der Befunde und der Anamnese der Person. Anschließend führt das nichtärztliche Personal alle für das jeweilige Krankheitsbild notwendigen Maßnahmen zur Erlangung der erforderlichen Messwerte und Bilder im Gerätepark der Modellpraxis durch und speichert die detaillierten Ergebnisse inklusive bildgebende Diagnostik im Praxisverwaltungssystem (PVS) sowie in einer speziellen Datenmanagementsoftware (DMS) lokal ab. Zu einem späteren Zeitpunkt an einem Ort ihrer Wahl greifen dann die mit dem Projekt kooperierenden Augenärztinnen und Augenärzte über einen gesicherten elektronischen Zugang (VPN - virtuelles privates Netzwerk) auf das System bzw. die Programme der Modellpraxis mit den dort vorhandenen Daten zu. Die hierfür benötigte technische Ausstattung wird aus Projektmitteln finanziert und den Ärztinnen und Ärzten durch die KVSA zur Verfügung gestellt. Diese befunden die erhobenen Daten nach gültigem Facharztstandard, erstellen die ärztliche Dokumentation und die ICD-10-Codierung. Darüber hinaus legen sie abhängig vom Befund die weitere Versorgung der Patientin bzw. des Patienten fest. Anschließend wird diese bzw. dieser darüber informiert. In der Regel besteht die weitere Betreuung aus einem neuen, ggf. kurzfristigeren Termin für die nächste Verlaufskontrolle in der Modellpraxis. Darüber hinaus ist es möglich, dass die Ärztinnen und Ärzte eine Verordnung von Medikamenten über eRezept, die Überweisung zu weiterführender Diagnostik und/oder Behandlung im ambulanten Bereich als auch die Einweisung zu einer stationären Versorgung in einer kooperierenden Klinik anordnen.
Das Projekt im Überblick
- Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum werden durch sektorübergreifende Maßnahmen gestärkt – insbesondere für den Pandemiefall
- Schaffung zusätzlicher Kapazitäten und von mehr Resilienz gegenüber Störungen wie Pandemien
- Altmark aufgrund drohender Unterversorgung in der Augenheilkunde als Modellregion geeignet
- Modellpraxis ist für die speziellen Anforderungen der Telemedizin in der Augenheilkunde eingerichtet und wird von erfahrenem, medizinisch gut ausgebildetem Personal betrieben
- Leistungsspektrum zunächst auf bestimmte Krankheitsbilder beschränkt, bei denen Verlaufskontrollen vorgenommen werden